Mode in Berlin: Handwerk mit Zukunft

12.05.2014 | Katharina Keßler

Berlin zieht an. Etablierte und neue Designer lassen sich, angezogen vom pulsierenden Leben der kreativen Szene, in Berlin nieder. Modefans nehmen begierig die neuen Trends auf, die sowohl auf der Berliner Fashion Week wie auch im kleinen Designatelier entstehen. Auf Vieles kann Berlin in diesem Bereich stolz sein. Allerdings birgt die aktuelle Situation auch Risiken.

Modeinteressierte stoebern zwischen den Kleiderstaendern der Modemesse Panorama. Foto: panorama-berlin.com

Modebegeisterte beim Stöbern. Foto: panorama-berlin.com

In Berlin ist die Modebranche zwar noch etwas beschaulicher als in den großen Modemetropolen wie Paris oder Mailand. Doch in Sachen Messen und Labels steht ihnen die deutsche Hauptstadt in nichts nach. Beispielsweise ist sie zwei Mal im Jahr Schauplatz der Fashion Week. Während dieser finden Modenschauen, große Modemessen, Partys und viele weitere Veranstaltungen statt.   

Fashion Week: Trends für die nächste Saison

Jedes Jahr im Januar und im Juli gerät die Modestadt Berlin in einen Ausnahmezustand: Modebegeisterte, Einkäufer und Medienvertreter aus der ganzen Welt treffen im Rahmen der Fashion Week auf Designer, besuchen Modemessen, Modenschauen und Partys. Mit über 120 Veranstaltungen und 240.000 Besuchern im Januar 2014 bestätigt sich die hohe Relevanz dieses Events für die Mode in Berlin. 

Große Besuchermagneten sind die Messen, die während der Modewoche ihre Pforten öffnen. Die Bread & Butter zählt zu den Highlights der Fashion Week. Auf dem Gelände des stillgelegten Flughafens Tempelhof präsentieren über 500 internationale Modeproduzenten von Street- und Urbanwear ihre Kollektionen. 

Messestände auf der Messe Bread and Butter. Foto: breadandbutter.com (Julia Nitzschke)
Die 30. Bread & Butter stand unter dem Motto: Ich bin ein Berliner. Foto: breadandbutter.com (Julia Nitzschke)

Den Kontrast zu dieser Messe bietet die Premium. Hier ist der Name Programm: Fachbesucher, Einkäufer und Pressevertreter haben auf dem 23.000 Quadratmeter großen Gelände des alten Berliner Postbahnhofs, der Station Berlin die Gelegenheit, edle Designerstücke zu bewundern. 

Die Lücke zwischen High Fashion und Streetwear schließt die Panorama. Dort finden Besucher alltagstaugliche Designer-Stücke. Doch Achtung: Ab Juli 2014 ist diese Messe in den Messehallen unter dem Funkturm untergebracht.   

Hinzu kommen unzählige kleinere Messen wie die Curvy is Sexy für Übergrößen, die Shows von Jungdesignern sowie von etablierten Modemachern wie Augustin Teboul und verschiedene Showrooms. 

Der Trend zu mehr Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen hat seinen Weg in die Modewelt Berlins gefunden. Die sogenannte Eco Fashion zeichnet sich wie herkömmliche Mode durch moderne Schnitte und Farben aus. Darüber hinaus spielen ökologische, soziale und ethische Aspekte bei der Herstellung der Kleidung eine wesentliche Rolle. Diese Mode findet auf der Berliner Fashion Week ihre Plattform auf der Messe Ethical Fashion Show im E-Werk. Dort zeigen internationale und Berliner Designer den Fachbesuchern kreative Kollektionen. 

Besucher der Eco Fashion interessieren sich für oekologische Mode in Berlin. Foto: Ethical Fashion Show Berlin
Eco Fashion kommt bei den Besuchern gut an. Foto: Ethical Fashion Show Berlin

Berliner Designer auf Erfolgskurs mit veganer Mode

Logo des Vegan Fashion Awards von PETA Deutschland. Foto: PETA Deutschland
PETA Deutschland vergibt ihren Award an Hersteller tierfreundlicher Mode. Foto: PETA Deutschland

Ein Beispiel für Eco Fashion und der Beweis, dass Öko nicht langweilig ist, ist die vegane High Fashion Mode made in Berlin. Diesem Modeanspruch haben sich die Zwillinge Anja und Sandra Umann verschrieben. 2010 gründeten sie ihr Label Umasan und entwerfen seither Mode ohne tierische Materialien wie Wolle, Leder oder Seide. Stattdessen kommen Bio-Baumwolle und Naturfasern wie Algen oder Bambus zum Einsatz. Dafür zeichnete sie die Tierschutzorganisation PETA 2013 mit dem Vegan Fashion Award als beste Modedesigner aus.

Ihre ausschließlich in Deutschland produzierten Kleidungsstücke sind nichts für den kleinen Geldbeutel. Jedoch investieren nicht nur überzeugte Veganer gerne in die Mode von Umasan. Aufgrund der interessanten Schnitte, fließenden Stoffe und zeitlosen Farben greifen auch andere Mode-Liebhaber gerne zu. Die beiden Designerinnen haben sich ganz bewusst für diese Art der Mode entschieden: Sie wollten kein Teil des schnelllebigen, oberflächlichen Modekonsums werden. Neben zwei Flagship Stores in Berlin vertreiben auch Läden in den USA, Frankreich und in der Schweiz erfolgreich ihre Mode.  

UMASAN Flagship Store & Showroom
Linienstraße 40
10119 Berlin-Mitte
www.umasan-world.com                             

Anja und Sandra Umann vom Label Umasan. Foto: Umasan
Die Designerinnen Anja und Sandra Umann. Foto: Umasan
Innenansicht des Umasan Stores in der Modestadt Berlin. Foto: Umasan
Umasan Flagship Store und Showroom. Foto: Umasan. 
Model praesentiert die Mode von Umasan in schwarz weiß. Foto: Umasan
Die Mode von Umasan. Foto: Umasan
Model praesentiert die vegane Mode von Umasan auf dem Laufsteg. Foto: Umasan
Vegane Mode auf dem Laufsteg. Foto: Umasan

Weitere bekannte Designer aus Berlin

Kostas Murkudis: Der Modedesigner gehört zu den etablierten Größen in der Modestadt Berlin. In seinen innovativen Kreationen spielt er mit Gegensätzen wie Hightech- und Naturstoffen. Der Berliner Designer ist seit 2012 Kreativdirektor bei Closed. Seine eigenen Stücke sind im Luxus Concept Store seines Bruders erhältlich:  
Andreas Murkudis
Potsdamer Str. 81e
10785 Berlin-Tiergarten 
www.kostasmurkudis.net

Lala Berlin: Leyla Piedayesh entwirft lässige Strickteile und kombiniert sie gekonnt mit anderen Materialien. Daraus entsteht eine unkonventionelle, feminine und tragbare Mode, die nicht nur in Berlin Kultstatus besitzt. Gleiches gilt für ihre Accessoires mit auffälligen Mustern und Prints. Diesen Stil lieben auch Berühmtheiten wie Claudia Schiffer und Jessica Alba. 
lala Berlin 
Mulackstraße 7
10119 Berlin-Mitte
www.lalaberlin.com  

Firma: Carl Tillessen und Daniela Biesenbach gründeten ihr Label Firma Anfang der 1990er Jahre. Ihre Kollektion zeichnet sich durch bodenständige, geradlinige Schnitte ohne Schnickschnack aus. Vorbild dieser Philosophie ist der Bauhaus-Stil, der sich durch ein zeitloses, funktionales und hochwertiges Design auszeichnet. 
FIRMA Eastside Store
Mulackstr. 1
10119 Berlin-Mitte
www.firma.net 

Herr Prof. Fetzer, was bietet der Standort Berlin?

Am Puls der Mode in Berlin ist Prof. Horst Fetzer von der HTW Berlin. Foto: Prof. Horst Fetzer
Prof. Dipl.-Des. (FH) Horst Fetzer. Foto: Prof. Horst Fetzer

Die Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW-Berlin) ist als innovative Hochschule bekannt. Sie legt besonderen Wert darauf, nah an der Branche auszubilden und den Absolventen ein solides künstlerisches, gestalterisches, aber auch technisch-handwerkliches Know How zu vermitteln. Der Fachbereich Gestaltung bietet beispielsweise die Studiengänge Bekleidungstechnik/Konfektion, Modedesign und Industrial Design an. 

Prof. Dipl.-Des. (FH) Horst Fetzer lehrt im Studiengang Modedesign und ist Sprecher dieses Bachelor- und Masterstudiengangs. Wir haben ihn gefragt, welche Chancen und Risiken auf Jungdesigner in der Modestadt warten und was die Zukunft der Mode in Berlin bringt.  

Welche Faktoren machen Berlin Ihrer Meinung nach zu einer Modestadt?

HF: Die Ballung internationaler Modemessen wie die Premium, BBB und Panorama, aber auch kleinerer Messen wie die (Capsule), Seek oder GreenShowroom machen die Berliner Fashion Week extrem attraktiv und bilden in Inhalt und Summe eine einzigartige Übersicht aktueller Mode- und Kollektionsgeschehen. 

Daneben ist Berlin Heimat sehr vieler internationaler Designer, Künstler und Kreativschaffender geworden. Dieser „Nährboden“ mit seiner Vielfalt und Dynamik wirkt wie ein Magnet und zieht entsprechend auch viele Modeinteressierte an. Ob als Designer, als Kunden oder Besucher von Berlin. 
Zuletzt haben die Besucherzahlen in Berlin die von London übertroffen. Das spürt auch der Einzelhandel sehr. Und das spüren auch viele kleine Labels, die mit ihren Atelierläden zu überleben versuchen. Die bunte Mischung macht es so interessant.

Wie sehen Sie die Situation von Jungdesignern in Berlin?

HF: Der Hype um die Mode in Berlin bietet natürlich Chancen. Aus internationaler Sicht wirken die  Strömungen und Entwicklungen im Bereich Kunst, Mode, Lifestyle, die sich in Berlin abspielen, sehr anziehend. Diese Anziehungskraft können neue Designer nutzen und den Versuch wagen, ihre Ideen zu etablieren. Wenn dann der Sprung auf die Modeplattformen gelungen ist, steht vielen eine sehr erfolgreiche Zukunft bevor.
Noch sind aber keine Scouts unterwegs, die junge Designer für größere Herausforderungen in etablierten Modehäusern suchen, ähnlich wie es aus London oder Paris bekannt ist. 

Als Risiko Nummer eins steht natürlich das Überangebot, das es hier und dort gibt. Wenn die Kollektionsidee, die Preis/Leistung oder der Standort des Ateliers oder Geschäfts nicht günstig gewählt wurde, folgt nicht selten ein jäher Absturz. In der Voraussetzung sollten circa vier bis fünf Kollektions-Zyklen vorfinanziert sein, um am Ende erfolgreich werden zu können. Aber Risikokapitalgeber scheuen noch immer, in die schnelllebige Modebranche zu investieren. 

Ein weiterer Nachteil sind die fehlenden größeren Unternehmen der Modeindustrie in Berlin oder dem Umfeld. Genauso wie das fehlende Angebot an kleinen bis mittelgroßen Produktionsstätten.
Als unbestreitbaren Vorteil bietet Berlin aber ein unerschöpfliches Feld an Inspiration und Gründergeist. Das wirkt ansteckend und führt nicht selten zu erfolgreichenIdeen und neuen Labels in allen Bereichen des Modeangebotes.

Besucher draengen in zur Eroeffnungsfeier der Bread and Butter. Foto: breadandbutter.com (Christoph Neumann)
Besucheransturm bei der Eröffnung der Bread & Butter. Foto: breadandbutter.com (Christoph Neumann)

Welche Rolle spielt die Fashion Week für die Mode in Berlin und für Ihre Absolventen?

HF: Die Fashion Week ist mit all ihren Formaten und Veranstaltungen ein idealer Magnet und zieht sehr viel nationales und zunehmend auch internationales Interesse nach Berlin und zu den Labels. Davon profitiert Berlin als Stadt und Marktplatz und davon profitieren auch unsere Absolventen. Beispielsweise hat unser Alumnilabel Hien Li jetzt schon zum zweiten Mal die Mercedes-Benz-FashionWeek (Eine Reihe an Modenschauen im Rahmen der Berlin Fashion Week. Anm. d. Red.) eröffnet.

Die Möglichkeiten, die Berlin bietet, sind in Deutschland einzigartig und stellen auch unter Beweis, dass es eine lebendige junge Designerszene gibt, die es auch international schaffen kann. Der Berliner Senat unterstützt Initiativen, die junge Berliner Labels auch auf Pariser oder Londoner Plattformen zeigen und die Kreativität Berliner Labels zu internationalisieren helfen. Soviel Möglichkeiten zum Networking gibt es nur hier in Berlin.

Wo sehen Sie die wichtigsten Entwicklungen der Berliner Modebranche in den nächsten Jahren?

HF: Die staatlichen Modehochschulen etablieren die Idee eines "Berlin Fashion Council“, das unter Beteiligung von Politik, Industrie, Handel, Verbänden und Hochschulen weitere Förderungen und Unterstützungen neuer Labels vorantreiben. Die daraus entstehende Strahlkraft beleuchtet die nationale Bekleidungsindustrie im Ganzen und zeigt das Potential und die Kreativität, die hier in Deutschland und verdichtet in Berlin zu finden ist. Daraus kann sich eine dynamische Entwicklung abzeichnen, die zu noch mehr Messen und einer steigenden Internationalisierung führt.

Die Bekleidungsbranche im Allgemeinen wird sich entscheiden müssen, ob es Sinn macht, die Orderzentren und Showrooms, die heute noch stark in Düsseldorf oder München stehen, nicht auch nach Berlin umzuziehen. Diese Entwicklung beginnt bereits und wird sich ausweiten. 
Außerdem erwarte ich in naher Zukunft die Wiederholung dessen, was in Belgien unter dem Begriff „AntwerpSix“ (Designergruppe, die Antwerpen in den 1980er Jahren als Modestadt etablierte. Anm. d. Red.) entstanden ist. Warum nennen wir es nicht einfach „Berlin Five“! Und darauf freue ich mich schon besonders.

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